Eine Therapieform für alle?

Welche Therapie ist bei ADS sinnvoll? Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten, denn die Schwierigkeiten von Menschen mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom können sehr unterschiedlich sein. Aus der Vielfalt vorhandener Therapieformen muss die jeweils passende ausgewählt werden. Fachleute empfehlen eine Kombination von mehreren Therapieansätzen, um dem Störungsbild möglichst ganzheitlich zu begegnen. Was genau kann die „multimodale Therapie“ beinhalten? Wann ist welche Therapieform sinnvoll?

Elterntraining

ADS-Elterntrainings sind Kurse für Eltern und andere Bezugspersonen zum Thema ADS/ADHS und Erziehung. Sie finden in der Gruppe statt. Gemeinsam lernen die Teilnehmer/innen, das oft schwierige Verhalten ihrer Kinder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Diese neue Sichtweise führt zu einer veränderten Haltung gegenüber dem Kind. Das Kind spürt diese Veränderung und reagiert seinerseits positiv. Weitere Inhalte sind das Verstärken erwünschten Verhaltens, der Umgang mit problematischem Verhalten, das Setzen von Grenzen, „richtiges“ Kommunizieren und das Achten auf die eigenen Bedürfnisse. Ein ADS-Elterntraining ist einer der wichtigsten Bausteine in der Therapie des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms.

Ergotherapie

Ergotherapie ist sinnvoll, wenn ein Kind in seiner körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung gegenüber Gleichaltrigen zurückbleibt, wenn es Schwächen in der Fein- oder Grobmotorik zeigt, wenn Wahrnehmungsstörungen vorliegen oder wenn es auf Mitmenschen mit übermäßiger Angst, Abwehr, Aggression oder Passivität reagiert. Ziele einer Ergotherapie sind eine Verbesserung der Bewegungsfähigkeit, der Aufnahme und Verarbeitung von Sinnesreizen, der Kommunikationsfähigkeiten und der sozialen Fähigkeiten. Ergotherapie kann Kindern mit ADS/ADHS zu einem organisierten und strukturierten Vorgehen bei der Planung und Ausführung von Handlungen verhelfen. All dies lernt das Kind im Spiel, in der Bewegung, in alltäglichen Verrichtungen und in handwerklichen Tätigkeiten. Gute Ideen für das Einbetten ergotherapeutischer Übungen in den Alltag mit hyperaktiven Kindern stehen in dem Buch „Alltagssituationen spielend meistern“ von Höfkes, Trahe und Trepte, drei Ergotherapeutinnen, die mit diesem Ratgeber eine Brücke zwischen Therapie und Alltag schlagen.

Familientherapie

Wenn Sie spüren, dass die Schwierigkeiten Ihres Kindes auch etwas mit Ihnen und der restlichen Familie zu tun haben, könnten Sie von einer Familientherapie profitieren. Familientherapeuten sehen die Ursache für ruheloses und anderes auffälliges Verhalten in den Beziehungen der Familienmitglieder, nicht im Kind. Die meisten Erziehungsberatungsstellen arbeiten auf familientherapeutischer Basis.

Heilpädagogik

Heilpädagogik ist die Praxis und Theorie der Erziehung von Kindern mit Behinderungen, die den üblichen Erziehungsrahmen einer Gesellschaft übersteigen. Sie ist der Ergotherapie ähnlich, arbeitet jedoch stärker systemisch-ganzheitlich. In der Therapie wird das Kind in die Lage versetzt, sich aus eigener Kraft zu entfalten und zu wachsen. Es geht in erster Linie darum, das Kind zu verstehen und nicht darum, gegen seine Defizite zu arbeiten. Die Beratung und Einbeziehung des sozialen Umfelds des Kindes, insbesondere der Eltern, ist von großer Bedeutung.

Heilpädagogisches Reiten

Reiten ist gut für Kinder, die Schwierigkeiten mit der Körperkoordination haben. Es hilft ihnen, das Gleichgewicht zu halten und ein besseres Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. Die Kinder lernen, sich auf das Pferd und dessen Eigenheiten einzulassen. Die intensive Beziehung zum Tier ist eine schöne und wichtige Erfahrung für das Kind. Sie stärkt das Selbstwertgefühl und unterstützt beim Abbau von Aggressionen.

Judo

Judo ist eine Sportart mit vielen Regeln und Ritualen, die auf hyperaktive Kinder eine geradezu therapeutische Wirkung ausüben kann. Sie fördert die Grob- und Feinmotorik, übt die Körperkoordination und die Kraftdosierung. Hat ein Kind kein Problem mit direktem Körperkontakt, kann es im Judoverein soziale Kompetenzen erwerben, das Selbstwertgefühl aufbauen und jede Menge Spaß haben.

Lerntherapie

Lerntherapie hilft Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), Rechenschwäche und anderen Lern- und Leistungsstörungen, die häufig in Verbindung mit ADS/ADHS auftreten. Sie versteht Lernstörungen als Wirkungsgefüge und berücksichtigt pädagogische, psychologische, soziale und medizinische Faktoren. Ziele sind die Schaffung einer positiven Lernstruktur, die Wiederherstellung der Lernfähigkeit und die psychische Stabilisierung des Lernenden.

Logopädie

Logopäden arbeiten in den Bereichen Prävention, Diagnostik, Beratung und Therapie bei Sprach-, Sprech-, Stimm-, Hör- und Schluckstörungen, die zusammen mit einer ADS-Symptomatik auftreten können. Ziel der Behandlung ist die Beseitigung oder Linderung der Sprach-, Sprech- und Stimmauffälligkeiten sowie die Stärkung der Sprechfreude und des Selbstbewusstseins.

Medikation

Ist das ADS stark ausgeprägt, kann eine Medikation einen ersten Zugang zum Kind ermöglichen, damit es für therapeutische Angebote empfänglich wird. Von einer alleinigen Gabe von Medikamenten ist in jedem Fall abzuraten. Sie kann eine Therapie begleiten, jedoch nicht ersetzen.

Mototherapie/Psychomotorik

Grundlage der Mototherapie und der eng mit ihr verwandten Psychomotorik ist die Einheit von Wahrnehmung, Bewegung, Erleben und Handeln. Eine Behandlung ist sinnvoll, wenn ein Kind aufgrund von Wahrnehmungsstörungen oder grobmotorischen Auffälligkeiten in seiner körperlichen und psychischen Entwicklung und in seinem Verhalten auffällig ist. Bewirkt werden soll ein angemessenes Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Sozialverhalten. Daraus folgt eine verbesserte Harmonisierung der Gesamtpersönlichkeit und eine gesteigerte Leistungsfähigkeit.

Musiktherapie

In der Musiktherapie experimentieren Kinder mit Tönen, Geräuschen und Instrumenten und verarbeiten dabei ihre Konflikte und Probleme. Sie spielen schmerzhafte und verdrängte Gefühle nach und werden sich ihrer bewusst. Das musikalische Improvisieren kam eine Auseinandersetzung des Bewussten mit dem Unbewussten in Gang setzen und zu einem persönlichen Wachstum führen.

Neurofeedback

In einer Neurofeedback-Therapie kann man auf spielerische Weise lernen, in einem Zustand der Konzentration und Entspannung Einfluss auf Prozesse im Gehirn zu nehmen. Nach Lubar, einem Pionier der Neurofeedback-Therapie bei ADS/ADHS, lindert diese Behandlung Aufmerksamkeitsdefizite, Impulsivität und Hyperaktivität.

Schwimmen

Für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen hat Schwimmen nicht nur einen hohen Spaßfaktor, sondern auch einen therapeutischen Nutzen. Im Wasser erleben diese Kinder ihren Körper von einer ganz anderen Seite. Die Muskulatur und das Selbstbewusstsein werden spielend gestärkt.

Spieltherapie

Spieltherapie ist eine speziell für Kinder entwickelte Form der Psychotherapie. In ihr kann das Kind mit Hilfe von Spielzeug und Spielfiguren Gefühle ausdrücken und Probleme bewältigen. Der Therapeut beobachtet und deutet das Spiel und hält engen Kontakt zu den Eltern.

Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapie ist ein weitere Form der Psychotherapie. In der Therapie soll das Kind über Neulernen, Umlernen und Verlernen dazu gebracht werden, unerwünschtes Verhalten abzulegen und neues zu lernen. Häufig eingesetzte Methoden sind die Untersuchung von Wahrnehmungen, Denkweisen und Einstellungen auf Angemessenheit, das Erarbeiten alternativer Interpretationen und Einstellungen, das Erlernen von Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle, positive Verstärkung und das Einüben neuer Verhaltensweisen in Rollenspielen. Verhaltenstherapie wird meist erst ab dem Schulalter verschrieben. Bei jüngeren Kindern ist Heilpädagogik oder Ergotherapie sinnvoller.

Yoga

Yoga hat sich in der Arbeit mit hyperaktiven Kindern bestens bewährt. Wahrnehmungsstörungen, Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität und motorische Unruhe werden vermindert; Konzentration und Ausdauer gestärkt. Gute Literatur zu diesem Thema ist die Materialsammlung „Hyperaktiv – na und? – Yoga-Übungen für überaktive Kinder“ von Nicole Goldstein.

Wie sind diese Therapieformen im Einzelnen zu beurteilen?

Nicht alle hier vorgestellten therapeutischen Verfahren sind schulmedizinisch anerkannt. Das heißt aber nicht, dass diese Therapieformen keinen Nutzen haben. Manche Therapien werden von Krankenkassen bezahlt, andere vom Jugendamt, wieder andere müssen von den Eltern selbst finanziert werden. Fragen Sie in Frage kommende Anbieter nach Finanzierungsmöglichkeiten und halten Sie im Zweifelsfall Rücksprache mit Ihrer Krankenkasse und/oder dem örtlichen Jugendamt.