Wenn konventionelle Erziehung nicht greift

Der Alltag mit unkonzentrierten und impulsiven Kindern oder Jugendlichen ist in vielen Fällen von ständigen Konflikten und Streit geprägt. Erziehungspraktiken, die bei anderen Kindern erfolgreich sind, greifen bei Kindern mit dem ADS-Syndrom meist nicht. Am deutlichsten spüren dies Eltern, die bereits ein Kind haben und dann noch ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (auch: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) bekommen. Das jüngere Kind stellt die Erziehungsvorstellungen der Eltern auf den Kopf und macht sie ratlos. Wie kann es sein, dass bei diesem Kind alles anders ist?

Typische Verhaltensprobleme

Kinder und Jugendliche mit ADS oder ADHS handeln häufig ohne nachzudenken. Sie können die Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihr Verhalten nur ungenügend vorhersagen. Manchmal sagen sie Dinge, die sehr verletzend sein können.

ADS-Betroffene haben wenig Geduld. Sie neigen dazu, anderen in Wort zu fallen. Als Schüler melden sie sich nicht, sondern rufen in die Klasse. Diese Ungeduld zeigt sich auch in allen anderen Lebensbereichen.

Menschen mit ADS oder ADHS scheinen häufig nicht zuzuhören, wenn andere mit ihnen sprechen. Diese Geistesabwesenheit lässt sie desinteressiert oder unhöflich erscheinen. Eltern, Lehrer und andere Autoritätspersonen fühlen sich nicht ernst genommen und reagieren verstimmt.

ADS-Betroffene haben Schwierigkeiten, Aufträge zu Ende zu bringen. Kinder sind lange Zeit nicht in der Lage, ihr Zimmer eigenständig aufzuräumen. Sie brauchen mehr und länger Unterstützung als andere Kinder.

Kinder mit ADS oder ADHS sind leicht erregbar und reagieren empfindlich auf Kritik. Die Trotzphase ist häufig ausgesprochen ausgeprägt und andauernd. Relativ geringfügige Anlässe können Wutanfälle von gewaltiger Intensität auslösen.

Manche Kinder und Jugendliche mit ADS oder ADHS neigen zu aggressivem, zerstörerischem Verhalten. Schlägereien und Vandalismus sind dann keine Seltenheit.

Kein böser Wille

Da auch ADS-Kinder manchmal die liebsten Kinder der Welt sein können, heißt es häufig über sie: „Sie könnten, wenn sie nur wollten!“. Mangelnde Motivation oder böser Wille darf diesen Kindern jedoch nicht unterstellt werden: Sie wollen schon. Sie können aber nicht immer. Ihre mangelhafte Impulskontrolle führt immer wieder zu Verhaltensweisen, die Erzieherinnen, Lehrer, Nachbarn oder auch die eigenen Eltern nicht nachvollziehen können.

Teufelskreis

Viele ADS-betroffene Familien befinden sich in einem Teufelskreis aus ständigem Ermahnen, Strafen, Misserfolgen und Gefühlen der Unzulänglichkeit:

  1. Das Kind verhält sich nicht wie erwartet.
  2. Es wird dafür kritisiert, ermahnt, bestraft.
  3. Das Kind reagiert emotional erregt: aggressiv, explosiv, wütend, beleidigt oder resigniert. Die Motivation sinkt. Misserfolge stellen sich ein.
  4. Es wird für diese Misserfolge kritisiert, bestraft, ausgegrenzt und negativ etikettiert („Du bist ein ungezogenes Kind!“).
  5. Um das abzuwenden, entwickelt das Kind Vermeidungsstrategien: Es streitet alles ab, lügt oder stiehlt.
  6. Weitere Misserfolge stellen sich ein. Selbstwertgefühl und Selbstachtung gehen verloren.
  7. Da dem Kind und seinen Eltern keine alternativen Verhaltensmuster zur Verfügung stehen, beginnt der Teufelskreis von vorne.

Es kommt zu einer ständigen Abwärtsspirale, innerhalb derer sich die Eltern-Kind-Beziehung immer weiter verschlechtert. Auch außerhalb des Elternhauses sieht es nicht besser aus: Viele beklagen sich über das Verhalten des Kindes und machen die Eltern dafür verantwortlich.

Wege aus dem Dilemma

Jedes Kind möchte seinen Eltern Freude machen. Wer das weiß, schaut nicht nur auf Unzulänglichkeiten, sondern auch auf Bemühungen und Erfolge. Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen können sich auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern mit ADS oder ADHS einstellen und ihnen helfen. Denn eines ist klar: Diese Kinder brauchen Hilfen, keine Strafen.