Nötiger als Brot hat der Mensch, in der Gesellschaft erwünscht zu sein.
Mutter Teresa

„Da möchte man sich am liebsten verbuddeln“

Hyperaktive Kinder sind anstrengend: Sie machen Lärm, sorgen für Unruhe, geraten häufig in Streit, richten Schäden an und können sehr verletzend sein. Wen wundert es, dass diese Kinder selten gern gesehene Gäste sind. Vereinsamung droht, wenn sich Mütter und Väter hyperaktiver Kinder aus Angst vor Zurechtweisung und Ablehnung aus dem gesellschaftlichen Miteinander zurückziehen. Warum ist Kritik kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken? Wie können Eltern auf Klagen reagieren und zwischen ihrem Kind und kritischen Erwachsenen vermitteln? Wie lassen sich soziale Kontakte aufbauen? Darum geht es in diesem Artikel.

Elternschaft verändert den Bekanntenkreis

Viele mir bekannte Eltern sind nach der Geburt eines hyperaktiven Kindes vereinsamt. Dieser Effekt tritt in abgeschwächter Form auch in Familien mit nicht-hyperaktiven Kindern auf: Kinderlose Bekannte ziehen sich zurück, weil man mit Nachwuchs stärker auf den Wickeltisch als auf den Barhocker fixiert ist und dadurch als Diskobegleitung nur noch sehr eingeschränkt in Frage kommt. Das lässt sich leicht verschmerzen, wenn sich zeitgleich neue Kontakte ergeben: in der PEKiP-Gruppe, auf dem Spielplatz und später im Kindergarten. Eltern hyperaktiver Kinder haben aber bereits in diesem Alter eher schlechte Karten. Sie werden gemieden, weil andere Eltern befürchten, ihre Kinder könnten verletzt werden oder sich Unarten abgucken. Fortlaufend sind sie damit beschäftigt, erzieherisch auf ihr Kind einzuwirken, sein Verhalten mit den Verhaltensweisen Gleichaltriger zu vergleichen und das Kind gegen Kritik und Zurückweisung in Schutz zu nehmen. Insbesondere Mütter denken: „Wer mein Kind nicht mag, soll mir vom Leib bleiben!“. Gleichzeitig wünschen sie sich nichts mehr als den Austausch mit anderen Müttern, neue Freundschaften, ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Zwischen den Fronten

Eltern hyperaktiver Kinder stecken in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite möchten sie ihre Sprösslinge verteidigen, auf der anderen Seite wissen sie selbst am besten, wie nervenaufreibend ihre Kinder sein können. Heute stellen sie sich schützend vor ihr Kind und sehen die Dinge vielleicht ein wenig zu positiv; morgen freuen sie sich, dass ihnen endlich jemand zuhört und sie ihr Herz bis auf den Grund ausschütten können. Wie können Eltern ihrem Kind zeigen, dass sie uneingeschränkt zu ihm stehen, auch wenn die Klagen anderer Eltern, Nachbarn und Lehrer nicht ganz unberechtigt sind? Was können sie anderen Eltern entgegnen, damit diese mehr Verständnis und Geduld entwickeln können?

Hinter dem Kind stehen

Kinder mit ADHS brauchen Eltern, die das Gute in ihnen sehen und anerkennen. Ihr Zuhause muss ein sicherer Hafen sein: Hier kann ich jede Schandtat zugeben. Hier werde ich gemocht, wie ich bin. Hier gehöre ich hin. Seien Sie Anwälte Ihres Kindes: Wenn sich andere Leute über ihr Kind beschweren, sagen Sie: „Vielen Dank für das Gespräch! Ich werde das mit meinem Kind klären.“ Warten Sie dann auf einen günstigen Augenblick und geben Sie Ihrem Kind unter vier Augen Gelegenheit, die Dinge aus seiner Sicht zu schildern. Lassen Sie sich auf die Gedanken und Gefühle Ihres Kindes ein. Glauben Sie, was Sie hören. Wenn Ihr Kind keine Angst vor Strafe haben muss, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wahrheit sagen.

„Hinter dem Kind stehen“ heißt auch, dass man gut über das Kind redet. Was Sie über Ihr Kind sagen, verändert sein Ansehen – zum Guten oder zum Schlechten. Wenn Sie nur die unerfreulichen Dinge mitteilen, wird man Ihr Kind für ein Scheusal halten, dem man lieber aus dem Weg geht. Man wird bei Ihrem Kind mit dem Schlimmsten rechnen. Das kann dazu führen, dass Ihr Kind im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung tatsächlich immer unangenehmer wird. Wenn Sie sich über Ihr Kind gefreut haben, sollten Sie diese Freude mit anderen Menschen teilen. Erfolgsmeldungen, die auf Tatsachen beruhen, fördern das Ansehen Ihres Kindes. Man wird seine Bemühungen eher erkennen, anerkennen und ihm zutrauen, dass es seine Schwierigkeiten in den Griff bekommt.

Gelassener reagieren

Lassen sie sich von bösen Worten oder herabsetzenden Blicken nicht aus der Ruhe bringen. Sagen Sie: „Danke für den Hinweis! Ich werde darüber nachdenken.“ Oder sagen Sie lieber erst einmal gar nichts, bevor Sie etwas entgegnen, das Sie später bereuen. Zählen Sie in Gedanken von 10 bis 0 und atmen Sie mehrere Male tief durch. Versuchen Sie, Ihre Probleme zu hierarchisieren: Was ist in diesem Moment wirklich wichtig? Welches Ereignis wäre Ärger oder Traurigkeit wert? Vielleicht ein geplatzter Lottogewinn oder ein toter Hamster im Käfig, aber doch nicht die liebe Nachbarin, die wieder einmal vor der Tür steht und sich beschwert.

Kritik annehmen

Kritik ist eine gute Gelegenheit, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Es ist ein Gesprächsangebot und damit viel besser als das Reden hinter Ihrem Rücken. Werten Sie kritische Worte nicht als Angriff, der unbedingt abgewehrt werden muss. Meist steckt Ratlosigkeit dahinter; manchmal aber auch heimliche Freude darüber, dass es mit dem eigenen Nachwuchs scheinbar besser klappt. Teilen Sie anderen Eltern mit, dass auch Sie ein Problem mit dem Verhalten Ihres Kindes haben. So machen Sie deutlich: „Ich nehme dich und deine Bedenken ernst. Wir haben das gleiche Problem.“ Wenn jemand sagt: „Was Ihr Kind macht, ist nicht in Ordnung“ und Sie sehen das auch so, sollten Sie genau das sagen: „Sie haben vollkommen Recht. Dieses Verhalten ist unakzeptabel.“ Das nimmt Ihrem Gegenüber den Wind aus den Segeln. Er bzw. sie wird freundlicher reagieren und sich vielleicht ein Stück weit in Ihre Situation einfühlen.

Bemühungen und Erfolge verdeutlichen

Sagen Sie, was Sie und Ihr Kind dafür tun, damit die Situation bald besser wird. So zeigen Sie, dass Sie das Problem erkannt haben und an dessen Lösung arbeiten. Sagen Sie z.B.: „Max kann sich im Moment nicht anders verhalten. Er bekommt seit einem Monat Psychomotorik in einer Gruppe anderer hyperaktiver Kinder. Da lernt er seinen Körper besser kennen.“ Oder auch: „Jan beginnt in drei Wochen mit einer Verhaltenstherapie. Da lernt er z.B., wie er seine Wut unter Kontrolle bringen kann. Wir haben lange auf einen Therapieplatz warten müssen. In der Zwischenzeit haben mein Mann und ich an einem Elterntraining teilgenommen. Die ersten Erfolge machen uns Mut.“ Oder: „Es macht uns auch sehr betroffen, dass Jakob andere Kinder im Kindergarten schlägt. Seine Erzieherin glaubt, dass das mit seiner Sprachentwicklungsverzögerung zusammenhängt. Er kann sich nicht anders verständlich machen. Ab Montag geht Jakob zu einer Logopädin. Bitte haben Sie etwas Geduld.“

Und ist der Ruf erst ruiniert…

Befreien Sie sich von dem Wunsch, mit Ihrem Kind nie mehr negativ aufzufallen. Nehmen Sie es als gegeben hin, dass Sie immer wieder Menschen treffen werden, die mit Ihrem Kind  nicht zurechtkommen. Wenn Sie in Ihrer Nachbarschaft bereits als „unmögliche Familie“ verschrien sind, kann es viel schlimmer nicht werden. Dann kann Ihnen das Gerede der Leute egal sein. Bleiben Sie anderen Menschen zugewandt, klären Sie auf, aber denken Sie nicht zu oft darüber nach, was andere Menschen über Sie denken könnten. Das ist verlorene Zeit, die Sie lieber mit Ihrer Familie verbringen sollten.

Knüpfen Sie Kontakte

Suchen Sie Kontakt zu Eltern in ähnlicher Lage. In Selbsthilfegruppen können Sie Menschen treffen, die ganz ähnliche Erfahrungen wie Sie machen. Hier können Sie Verständnis voraussetzen, sich austauschen und gegenseitig unterstützen. Ihre Kinder werden Spielkameraden finden. Mittlerweile gibt es Elterngruppen in fast allen Städten. Wenn Sie keine Gruppe in Ihrer Nähe finden, können Sie selbst eine gründen. Über einen Anschlag im Supermarkt, beim Kinderarzt oder bei der Ergotherapeutin können Sie andere betroffene Familien finden. Machen Sie den ersten Schritt, und Sie werden feststellen, dass Sie mit Ihren Sorgen und Hoffnungen nicht allein sind.