Wie äußert sich ADS/ADHS?

Kaum eine Krankheit, Störung bzw. Verhaltensauffälligkeit ist zur Zeit mehr im Gespräch als das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität, kurz ADS bzw. ADHS, wenn die hyperaktive Variante gemeint ist. Kinder mit ADS oder ADHS können ihre Aufmerksamkeit nicht über einen längeren Zeitraum bündeln, es sei denn, eine Aufgabe ist für sie von großem Interesse. So kommt es, dass sie durchaus in der Lage sind, über viele Stunden Computerspiele zu spielen oder sich auf Fernsehsendungen zu konzentrieren. Darüber hinaus neigen diese Kinder zu impulsivem Verhalten. Sie fangen mit etwas an und beschäftigen sich kurze Zeit später schon wieder mit etwas anderem. Es fällt ihnen schwer, bei einer Sache zu bleiben und Bedürfnisse aufzuschieben. Dadurch wirken sie häufig jünger als sie sind. Das H in ADHS steht für Hyperaktivität. Damit ist motorische Unruhe gemeint. Hyperaktive Kinder sind immerzu in Bewegung. Sie gehen nicht, sie rennen. Und selbst wenn sie sitzen, rudern sie mit Armen und Beinen und bringen jede Menge Leben an den Tisch.

Was ist ein Syndrom?

Wenn die Ursache einer Krankheit oder Störung unbekannt ist, kann sie nur über das klinische Bild beschrieben werden, also darüber, wie sich diese Krankheit bzw. Störung beim Menschen äußert. Treten eine bestimmte Anzahl von Symptomen über einen längeren Zeitraum in einem bestimmten Ausmaß auf, kann diesem Menschen ein bestimmtes Syndrom zugeordnet werden. Jedes Syndrom besteht also aus mehreren Symptomen, die sich zu einem Krankheits- bzw. Störungsbild bündeln lassen. Für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität charakteristisch. Genauere Beschreibungen der ADS-typischen Symptome finden sich in den Diagnosenkatalogen ICD-10 und im DSM-IV. Diese Kataloge stellen Versuche dar, allgemein akzeptierte Beschreibungen für psychische Störungen zu finden. Das ist sinnvoll, denn wenn jeder etwas anderes unter „ADS“ versteht, ist der Begriff nutzlos.

Was bedeutet eine ADS-Diagnose?

Spricht ein Arzt oder Psychotherapeut von „ADS“, hat er die für eine ADS-Diagnose erforderlichen Symptome beobachten können, wahrscheinlich auf der Grundlage des ICD-10 oder des DSM-IV. Für das Aussprechen einer ADS-Diagnose ist es also nicht erforderlich, die Ursachen des auffälligen Verhaltens zu kennen, obwohl gerade hier zielgerichtete Hilfen ansetzen könnten. Der Arzt bzw. Psychotherapeut erklärt die beobachtbaren Verhaltensweisen in aller Regel nicht; er gibt ihnen nur einen Namen. Streng genommen haben wir es nicht mit einer Diagnose zu tun, sondern mit einer Beschreibung bestimmter Verhaltensauffälligkeiten.

Für ADS typisches Verhalten entsteht auf unterschiedlichen Wegen. Daher können Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit sehr verschiedenen psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten eine ADS-Diagnose erhalten. Somit ist ADS/ADHS in erster Linie eine Arbeitshypothese, eine Aufforderung an alle mit einem ADS-Kind befassten Erwachsenen, Verständnis und Erklärungen für dessen eigenwilliges Verhalten zu finden.

Offene Fragen

Für Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter gibt es nie einfache Erklärungen. Viele Verhaltensweisen sind auch Fachleuten lange Zeit unerklärlich. Hinzu kommt die Tatsache, dass unser Verständnis von kindlichem Verhalten, unser Bild vom Kind, einem ständigen Wandel unterliegt. Darf ein Kind widersprechen? Darf es laut und wild sein? Darf es seinen Ärger laut hinausschreien oder muss es sich beherrschen können? Das sind Fragen, auf die unsere Großeltern, unsere Eltern und wir unterschiedliche Antworten geben würden. Derzeit ist ein Trend in Richtung „Funktionieren“ zu beobachten: Wer sich nicht wie ein Rädchen ins Getriebe einfügt, wird aussortiert. Das gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

Angeboren oder erworben?

Wenn mit einer ADS-Diagnose Verhaltensweisen beschrieben werden, was erklärt dann dieses Verhalten? Eine genetische Mitverursachung ist wahrscheinlich, hinzu kommen äußere Ursachen und Einflüsse, die aus der Veranlagung ein Krankheitsbild machen können. Gleiches wird auch bei anderen psychiatrischen Störungen angenommen. Welchen Anteil die Genetik hat und welchen Einflüsse aus der Umwelt, lässt sich nicht bestimmen.

Angeborenes und Erworbenes wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig. Umwelteinflüsse verändern die Chemie, Struktur und somit auch die Funktion des Gehirns bis ins Erwachsenenalter. Damit kann die Umwelt auch und gerade bei ADS einen großen Beitrag zur Entwicklung der Persönlichkeit und des Verhaltens ADS-betroffener Menschen leisten.

Unheilbar?

In manchen Büchern und sonstigen Publikationen steht, dass es sich bei ADS um eine angeborene und unheilbare Erkrankung handelt. In Wirklichkeit ändert sich das Erscheinungsbild einer Aufmerksamkeitsstörung im Altersverlauf. Es gibt Menschen, die in jungen Jahren unruhig, verträumt, vergesslich oder schlecht organisiert waren und heute das genaue Gegenteil sind. Eine ADS-Diagnose auf der Grundlage des ICD-10 oder des DSM-IV kann dann nicht mehr ausgesprochen werden. Daneben gibt es aber auch Berichte über negative Entwicklungen: Neben einer reinen Aufmerksamkeitsstörung können sich zusätzliche Schwierigkeiten (z.B. Aggressivität oder soziale Isolierung) einstellen, wenn das Kind bzw. der Jugendliche auf Unverständnis oder Ablehnung stößt. Die wichtigsten Voraussetzungen zur Überwindung einer ADS-Symptomatik sind ein stabiler Rückhalt in der Familie und die zu dem jeweiligen Störungsbild passende Therapie.

Was ist zu tun?

Die Tatsache, dass Medikamente in der erwünschten Weise wirken, beweist nicht, dass es keine alternativen oder zusätzlichen Erklärungen für das auffällige Verhalten eines Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen gibt. Die Erleichterung, die Ritalin und verwandte Medikamente bieten können, darf nicht dazu verleiten, das Problem aus den Augen zu verlieren. Häufig liegen neben dem Aufmerksamkeitsdefizit weitere Schwierigkeiten vor, die ggf. einer anderen oder zusätzlichen Therapie bedürfen. Eltern, die von ihrem Arzt lediglich ein Rezept erhalten haben, sollten sich damit nicht zufrieden geben. Eine umfassende, auch psychosoziale Faktoren berücksichtigende Diagnostik ist erforderlich, um die Therapie zu finden, die Ihnen und Ihrem Kind eine echte Hilfe ist. Das muss nicht in jedem Fall ein Medikament sein.