Unterschiedliche Erfahrungen

„Das mit der Auszeit klappt bei uns nicht. Unser Sohn hat neulich vor Wut seine Tür eingetreten!“ Immer wieder treffe ich Eltern, die von diesen oder ähnlichen Erlebnissen berichten. Wie kommt es, dass manche Eltern gute Erfahrungen mit dieser Erziehungsmethode und Deeskalationstechnik machen, während sie in anderen Familien nach einigen Versuchen wieder abgeschafft wird? Machen die einen etwas falsch oder eignet sich diese Methode nicht für alle Kinder?

Was heißt „Auszeit“?

Auszeit (engl. „timeout“) ist ein Begriff, der aus dem Sport stammt. Haben Sie schon einmal einen Schiedsrichter oder Trainer gesehen, der mit seinen Händen ein T zeigt? Das ist das Zeichen für die Mannschaften, das Spiel für eine kurze Pause zu unterbrechen. Dazu trennen sich die beiden Mannschaften räumlich voneinander. Jede Mannschaft geht in ihre Ecke. Auszeiten können Sie auf ähnliche Weise in der Erziehung Ihres Kindes nutzen. Auch hier geht es darum, dass man sich für kurze Zeit voneinander trennt, wenn die Emotionen zu stark für überlegte Entscheidungen sind.

Was steht in Erziehungsratgebern?

In der pädagogischen Literatur bestehen unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Auszeit praktiziert wird und was sie bezwecken soll: Für die einen ist die Auszeit eine wirkungsvolle Strafe, z.B. für Pentecost: „Wenn eine schnelle Bestrafung erforderlich ist, empfehle ich eine Technik, die „Auszeit“ genannt wird. Ziemlich bald dürfte die Drohung mit „Auszeit“ genügen, um ein aufsässiges Verhalten zu beenden“ (2002, S. 137). Armstrong hingegen spricht sich dafür aus, die Auszeit auf positive Weise einzusetzen. Die Kinder müssten lernen „den Auszeitbereich als einen Ort der Regeneration statt des Schmerzes anzusehen“ (2002, S. 238).

Auszeiten als Deeskalationstechniken

In der Kindererziehung bieten Auszeiten Auswege aus verfahrenen Situationen, die außer Kontrolle zu geraten drohen. Jede Mutter und jeder Vater hat das bereits erlebt: Man streitet sich mit dem Kind, das Kind oder man selbst wird immer lauter, keiner scheint dem anderen mehr zuzuhören, das Blut steigt in den Kopf und man würde am liebsten handgreiflich werden. Das Naheliegendste und Sicherste wäre es, den Kontrahenten einfach stehen zu lassen und sich in einem anderen Zimmer abzureagieren. Einfach ist das nicht, insbesondere wenn man selbst ein impulsiver Mensch ist, doch es ist erlernbar.

Auszeit als Strafe

Manche Eltern verordnen ihrem Kind eine Auszeit, wenn es unerwünschtes Verhalten zeigt. Zieht es der kleinen Schwester an den Haaren, muss es in das Auszeitzimmer gehen, um dort über sein Fehlverhalten nachzudenken. Als Faustregel gilt: Kinder ab drei Jahren bleiben in Minuten maximal so lange in der Auszeit, wie sie in Jahren alt sind. Ich halte diese Form der Auszeit für ungünstig: Werden Gesetzesbrecher im Gefängnis bessere Menschen? Oder nutzen sie die Zeit, um sich raffiniertere Tricks auszudenken? Wenn Sie sich für diese Form der Auszeit entscheiden: Besprechen Sie mit Ihrem Kind Sinn, Zweck und Ablauf einer Auszeit. Geben Sie Ihrem Kind eine Verwarnung, bevor Sie es in die Auszeit schicken. Es muss Gelegenheit bekommen, diese unangenehme Konsequenz durch angemesseneres Verhalten abzuwenden. Verzichten Sie auf die Auszeit, wenn sich eine logische Konsequenz findet: Zieht Ihr Kind die Hausaufgabenzeit künstlich in die Länge, ist es sinnvoller, das für den späten Nachmittag geplante Fußballtraining ausfallen zu lassen, als dem Kind eine Auszeit zu erteilen.

Die Auszeit einführen

Wie so oft müssen auch hier die Eltern den Anfang machen. Wenn Sie das nächste Mal in Streit mit Ihrem Kind geraten und die Situation aus dem Ruder zu geraten droht, sagen Sie einfach: „Ich brauche jetzt ein bisschen Zeit für mich allein. Ich muss nachdenken.“ Gehen Sie dann in ein anderes Zimmer, zählen Sie von 20 bis 1 und atmen sie dabei bewusst langsam tief ein und aus. Wenn Sie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson beherrschen, ist jetzt eine gute Gelegenheit, diese Entspannungsmethode anzuwenden. Gehen Sie wieder zu Ihrem Kind, wenn Sie sich beruhigt haben. Vertragen Sie sich ohne Wenn und Aber, wenn Sie meinen, dass der Streit eigentlich unbegründet war und Sie überreagiert haben. Klären Sie das Problem, wenn Sie meinen, dass weiterhin Klärungsbedarf besteht und auch Ihr Kind wieder offen vor Argumente ist. Vermeiden Sie Aussagen, die mit „Du“ beginnen: „Du hast dich unmöglich benommen“ oder „Hast du mich aber auf die Palme gebracht!“ Reden Sie besser über sich und Ihre Gefühle: „Ich ärgere mich, wenn dein Spielzeug in der ganzen Wohnung herumliegt. Vorhin bin ich auf einen Legostein getreten. Das hat mir wehgetan.“

Was und wie lernt Ihr Kind?

Kinder lernen am meisten durch Beobachtung erwachsener Vorbilder. Wenn Sie sich Auszeiten nehmen, wird Ihr Kind es Ihnen gleich tun. Es lernt, dass das Verlassen der brenzligen Situation nicht bedeutet, dass man „verloren“ hat. Gerät Ihr Kind in Zukunft auf dem Schulhof oder auf dem Spielplatz mit anderen Kindern in Streit, wird es mit höherer Wahrscheinlichkeit weggehen als gewalttätig werden. Das ist ein erstrebenswertes Erziehungsziel.

Urlaub vom eigenen Kind

Vielen mir bekannten Eltern, besonders den Müttern, würde es nicht im Traume einfallen, Urlaub vom eigenen Kind zu nehmen. Sie halten sich für unentbehrlich. Sie befürchten, dass in ihrer Abwesenheit das totale Chaos ausbricht. Sie leben mit der Überzeugung, immer funktionieren zu müssen. Oder sie glauben, eine Fremdbetreuung ihres Kindes nicht finanzieren zu können. Mütter und Väter brauchen regelmäßige Erholungspausen, Auszeiten vom Erziehungsstress, um auch in Zukunft ihren Kindern die Geduld und Liebe entgegenbringen zu können, die gerade Kinder mit besonderen Erziehungsbedürfnissen brauchen.

Eine Mutter-Kind-Kur, ein Freundeskreis, ab und zu ein Abend ohne Kind – das muss einfach drin sein. Sie bauen gerade ein Haus und haben kein Geld für einen Babysitter? Was nützt ein Haus, wenn Ihr Partner vor lauter Stress mit dem Kind und nicht gelebter Partnerschaft die Scheidung einreicht? Sie können einen Babysitter wirklich nicht bezahlen? Nehmen Sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe auf und schlagen Sie anderen Eltern Kinderbetreuung auf Gegenseitigkeit vor. Dort können Sie zudem mehr Verständnis für die Besonderheiten Ihres Kindes erwarten.

Versuchen Sie es mit der Auszeit!

Auszeiten können einen Platz in jeder Familie haben. Sie sind ein wirksames Mittel, um seelische und körperliche Gewalt abzuwenden. Wer vor Wut rast, hat seinen Mund und möglicherweise auch seine Hände nicht mehr so gut unter Kontrolle. Schnell ist etwas gesagt oder getan, was Schaden anrichtet und einem im Nachhinein Leid tut. Führen Sie die Auszeit ein, aber geben sie nicht zu schnell auf, wenn es nicht gleich reibungslos klappt. Die meisten Eltern brauchen drei bis sechs Wochen, um diese Methode in ihr Familienleben zu integrieren.