Zeit der Veränderungen

Kinder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom können sich nur schwer auf neue Situationen einstellen. Sie zeigen deutliche Stresssymptome, wenn sich gewohnte Abläufe ändern. Dieser Fall tritt unweigerlich um den sechsten Geburtstag ein, wenn das Kindergarten- bzw. Vorschulkind zum Schüler wird. Pünktlichkeit, Selbstständigkeit, stilles Sitzen und Zuhören, soziale Verhaltensweisen – all dies wird nun nicht nur gerne gesehen, sondern vorausgesetzt. Hinzu kommen neue Aufstehzeiten und Wege, Hausaufgaben und viele unbekannte Gesichter.

Welche Schule ist die richtige?

Für Eltern hyperaktiver Kinder kann das Finden einer geeigneten Schule einen wahren Hürdenlauf darstellen. Nicht immer ist die Grundschule im Einzugsgebiet die beste. Es lohnt sich, den Schulstart sorgfältig zu planen und ggf. nach Alternativen Ausschau zu halten. Worauf sollten Eltern achten?

Klassenstärke

Zu Recht glauben viele Mütter und Väter, dass sich ein Kind mit ADS/ADHS in einer Klasse mit wenigen Mitschülern besser zurechtfinden wird. Der Geräuschpegel und die Zahl der Ablenkungsmöglichkeiten sind in überschaubaren Gruppen geringer. Außerdem haben die Lehrer mehr Zeit für jedes Kind. Vielleicht verfügen sie auch über mehr Geduld und Gelassenheit, denn eine kleine Klasse bedeutet auch für Lehrkräfte weniger Stress. Geringe Klassenstärken sind typisch für private und konfessionelle Schulen, Sonder- bzw. Förderschulen sowie manche Montessori-Schulen.

Schulform

Schulen mit Montessoriansatz und Waldorfschulen gelten aufgrund ihres offenen Unterrichtsstils als für hyperaktive Kinder ungeeignet. Da ich Eltern kenne, die über gute Erfahrungen mit Montessori- und Waldorfschulen verfügen, kann ich mich dem nur bedingt anschließen. Es scheint weniger an der Schule und ihrem pädagogischen Konzept zu liegen, ob sich ein Kind gut entwickelt, sondern vielmehr an der Kompetenz der einzelnen Lehrkräfte. Eine Schule ist in erster Linie ein Ort, und der Wert dieses Ortes hängt von den Menschen ab, die dort arbeiten. Achten Sie also weniger auf die Schulform, sondern mehr auf die Personen, denen Sie Ihr Kind anvertrauen.

Sag ich’s oder sag ich’s nicht?

Viele Eltern von Kindern mit ADS/ADHS stellen sich die Frage, ob sie die Lehrer ihres Kindes frühzeitig über dessen Diagnose informieren sollen. Aus meinen Lehrerfortbildungen weiß ich, dass sich die meisten Lehrer Offenheit von Anfang an wünschen. Sie glauben, dass sie sich so besser auf jedes einzelne Kind einstellen können. Ich treffe jedoch immer wieder Eltern, die diesen Schritt bereut haben. Der Blick der Lehrer auf das Kind war aufgrund dieser Vorinformationen getrübt. Sie achteten nur noch auf das, was dem Kind nicht gelang. Das fehlende Zutrauen führte dazu, dass die Leistungen des Kindes schlechter wurden. Psychologen nennen diesen Prozess eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Eine Mutter fasste ihre Erlebnisse mit diesen Worten zusammen: „Ich habe den Lehrern meines Sohnes von der Diagnose erzählt, weil ich glaubte, das würde helfen. Doch dem war nicht so. Jede Stunde haben ihn die Lehrer in die Zange genommen, um zu testen, wie das denn nun ist mit der Konzentration. Am Ende half nur ein Schulwechsel.“ Anderen Eltern, die die Lehrer in Frage kommender Schulen sofort informierten, wurde die Wahl einer Sonderschule nahe gelegt, denn diese wäre schließlich spezialisiert auf „Kinder mit Defiziten und Störungen“.

Ihre Worte entscheiden

Eine ADS-Diagnose kann wie ein Stempel wirken, der Ihrem Kind Chancen verbaut. Je nach Kenntnisstand und persönlicher Überzeugung stellt sich jeder Mensch Unterschiedliches unter „ADS“ vor: Der eine Lehrer glaubt, er habe von nun an ein lernbehindertes Kind in der Klasse; der andere meint, er hätte es mit hysterischen Eltern zu tun; der dritte kann sich unter diesen drei Buchstaben überhaupt nichts vorstellen, traut sich aber auch nicht nachzufragen.

Wenn Sie die Lehrer auf Ihr Kind vorbereiten wollen, sollten Sie nicht die Formulierung „Mein Kind hat ADS“ wählen. Besser ist eine genauere Beschreibung seiner Schwächen und Stärken, z.B. „Mein Sohn hat im Kindergarten schwer Freunde gefunden“, „Lilli braucht klare Grenzen“ oder auch „Mein Kind kann heftig explodieren, hat aber einen weichen Kern und ist sehr harmoniebedürftig“. So bekommen die Lehrer/innen ein klareres Bild von Ihrem Kind, und es wird in keine Schublade gesteckt.

Das Kind vorbereiten

Um dem Kind den Übergang in den neuen Lebensabschnitt zu erleichtern, sollte es gut darauf vorbereitet werden. Besuchen Sie die Schule weit vor dem Schulbeginn mit Ihrem Kind und machen Sie eine Unterrichtsstunde mit. So kann Ihr Kind realistischere Vorstellungen von der Schule entwickeln und Ängste abbauen. Besorgen Sie sich Kinderbücher über den Schulstart, spielen Sie Schule und schenken Sie Ihrem Kind einen Talisman, nach Möglichkeit einen, der Ihnen selbst in Prüfungssituationen geholfen hat. Erzählen Sie von schönen Erlebnissen aus Ihrer Schulzeit. Welches waren Ihre Lieblingsfächer? Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Schulkameraden? Oder erinnern Sie sich nicht gerne an die Schule? Dann haben Sie vielleicht Lustiges auf Klassenfahrten oder Ausflügen erlebt, über das Sie gemeinsam lachen können. Wenn Sie gut über Ihre Schulzeit reden, wird Ihr Kind angenehme Gefühle damit verbinden und sich auf seinen eigenen Schulbeginn freuen.

Kontakte knüpfen

Auf der Suche nach einer geeigneten Schule sollten Sie sich mit Eltern austauschen, die gerade ein Kind in einer in Frage kommenden Schule haben. Suchen Sie eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe und fragen Sie dort nach Erfahrungen mit einzelnen Schulen bzw. Lehrern. Darüber hinaus ist eine enge Zusammenarbeit mit der zukünftigen Schule Ihres Kindes ratsam. Vereinbaren Sie ein Gespräch mit der Schulleitung, knüpfen Sie Kontakte zu den Lehrern, stellen Sie sich als Elternsprecher/in zur Verfügung, zeigen Sie Einsatz und Präsenz. So werden Sie als engagierte Eltern wahrgenommen. Den Lehrern wird es leichter fallen, das Gespräch mit Ihnen zu suchen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.