In deinem Alter, Kind, hat jeder Mensch noch Gründe, anzunehmen, er könnte fliegen wie laufen lernen. Ich werde mich hüten, dich aufzuklären.
– Vielleicht bin doch ich es, der sich irrt.

Heinz Kahlau

Eine wahre Geschichte

Sascha ist ein aufgeweckter Junge, der am liebsten den ganzen Tag in Bewegung ist und trotz seiner sieben Jahre noch nicht viel Interesse an Zahlen oder Buchstaben entwickelt hat. Das Stillsitzen fällt ihm schwer und sein Sozialverhalten hat bereits im Kindergarten zu wünschen übrig gelassen. Auf Anraten einer Erzieherin hat sich Saschas Mutter an einen Arzt gewandt, der bei Sascha ein leicht ausgeprägtes Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) vermutet und diesen Eindruck der Mutter mit auf den Weg gibt. Am Tag der Einschulung teilt Saschas Mutter der Klassenlehrerin mit, dass ihr Sohn ein ADS-Kind ist. Sie erhofft sich sich davon mehr Verständnis für Sascha und ein entsprechendes Eingehen auf seine Bedürfnisse. Für die Lehrerin, die schon viel über ADS und ADHS gelesen hat, ist der Fall klar: Hier kommt ein Kind mit einem Sack voller Probleme. Sie macht sich auf das Schlimmste gefasst und teilt der Mutter einige Monate später mit, sie habe gleich gewusst, dass das mit Sascha nichts wird. Solche Kinder gehörten eben auf die Sonderschule. Was ist schief gelaufen?

Der Mechanismus, der hier gewirkt hat, wurde um 1965 in seiner ganzen Tragweite entdeckt. Es handelt sich um eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ („self-fulfilling prophecy“). Die negative Erwartungshaltung der Lehrerin hat sich auf ihr Verhalten ausgewirkt. Jedes Mal, wenn Sascha etwas nicht gelang oder wenn er sich daneben benahm, fand sie sich in ihrer Meinung bestätigt. Saschas Erfolge hingegen schrieb sie Zufällen zu. Das fertige Urteil der Lehrerin blieb Sascha nicht verborgen. Anfänglich hatte er sich noch bemüht, der Lehrerin und seinen Klassenkameraden das Gegenteil zu beweisen. Als das Lob ausblieb und er nicht mehr aufgerufen wurde, beteiligte er sich jedoch immer seltener am Unterrichtsgeschehen und machte lieber mit Zwischenrufen und Clownerien auf sich aufmerksam.

Der Rosenthal-Effekt

Nicht immer haben sich selbst erfüllende Prophezeiungen eine negative Wirkung. Der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal hat 1968 zusammen mit Leonore Jacobson eine Aufsehen erregende Studie veröffentlicht. Schüler einer Eingangsklasse wurden einem Intelligenztest unterzogen. 20 Prozent der Schüler wählte man anschließend nach dem Zufallsprinzip aus und stellte sie den Lehrern als „viel versprechende Talente“ vor. Nach einem Jahr wurden die Schüler erneut getestet. Die Intelligenzquotienten und die Schulleistungen der angeblich besonders talentierten Kinder lagen deutlich über dem Klassendurchschnitt. Wahrscheinlich waren allein die positiven Lehrererwartungen verantwortlich für die Steigerung der intellektuellen Leistungsfähigkeit dieser Schüler.

Wie funktionieren sich selbst erfüllende Prophezeiungen?

Handelt es sich um positive oder negative Erwartungen – das Prinzip ist das gleiche: Der Lehrer bildet sich auf der Grundlage von Vorinformationen und eigenen Beobachtungen eine bestimmte Erwartungshaltung. Er behandelt das Kind gemäß dieser Erwartungen. Sind die Erwartungen positiv, hört der Lehrer dem Kind besser zu, lobt öfter, ermutigt und zeigt Interesse. Er traut dem Kind mehr zu. Sind die Erwartungen aber negativ, tadelt der Lehrer häufiger. Er hat weniger Geduld und zeigt dies deutlich. Nicht immer geschieht das über Worte: Ein Hochziehen der Augenbrauen, ein Seufzer oder Augenrollen signalisieren ebenfalls, dass wir wenig von einem anderen Menschen halten. Viele Schüler reagieren mit Frustrationen, ziehen sich zurück oder werden aufsässig. In der Folge verschlechtern sich die Schulleistungen tatsächlich – ganz so, wie es der Lehrer erwartet hat.

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen im Alltag

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen treten in allen Lebensbereichen auf, nicht nur in der Schule. Vielleicht haben Sie es selbst schon einmal erlebt: Ein etwa vierjähriger Junge turnt auf einem Klettergerüst herum. Unten steht die Mutter und ruft: „Gleich fällst du herunter!“ Einen Moment später rutscht das Kind tatsächlich aus. Ein „Halt dich gut fest!“ wäre besser gewesen, denn das Wort „fällst“ hat den Absturz in den Bereich des Möglichen gerückt. Kinder halten Erwachsene in diesem Alter für allwissend. Warum sollten sie dann nicht auch hellseherische Kräfte haben? Ein anderes Beispiel: Ein Fünfjähriger bekommt von seinem Vater regelmäßig zu hören:“ Du nervst genauso wie früher dein großer Bruder. Der war auch so anstrengend!“ Im Laufe der Zeit füllt das Kind diese ihm zugewiesene Rolle immer besser aus: Es wird tatsächlich zur Nervensäge. Als wir Kinder waren, hieß es: „Sag deinem Kind, wie schlecht es ist, dann wird es sich bessern!“ Heute wissen wir, dass das Gegenteil stimmt: Sag deinem Kind, was es gut macht, dann wird es seine Stärken ausbauen und zu einem selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen.

Negative Etikettierungen und ihre Folgen

Negative Etikettierungen und andere Stigmatisierungen können weit reichende Folgen haben, denn jedes Etikett (z.B. „schlechter Schüler“, „Störer“, „Tollpatsch“) beinhaltet gleichzeitig Erwartungen, zumeist negative. Leistungsverschlechterungen werden damit in aller Regel nur noch verstärkt. Darüber hinaus beeinträchtigen Stigmatisierungsprozesse die Identität und das Selbstwertgefühl des Kindes. Es nimmt sich als defizitär wahr und hat kaum Möglichkeiten, diesen schlechten Ruf wieder los zu werden, denn fertige Meinungen sind so gut wie unverrückbar.

Und was hat das mit ADS zu tun?

Eine ADS-Diagnose hat den Vorteil, dass Eltern und Betroffene dadurch Zugang zu Hilfsangeboten bekommen und den Nachteil, dass damit Stigmatisierungen verbunden sind. Sicher, Kinder mit ADS werden bereits vor der Diagnosestellung stigmatisiert („ungezogen“, „frech“), doch mit der Diagnose werden ihre Verhaltensweisen mit einer organisch bedingten, unheilbaren Erkrankung erklärt. Welcher Lehrer hat da noch Hoffnung, dass sich doch Schulerfolg einstellt?

Viele Kinder mit ADS werden von Lehrern allein schon deshalb als „faul“ oder „unbegabt“ abgestempelt, weil sie eine schlechte Handschrift haben. Wäre es da nicht klug, den Lehrern frühzeitig Bescheid zu geben? Ich denke nicht, denn jeder Lehrer sollte zunächst Gelegenheit bekommen, sich ein eigenes Bild von jedem Kind zu machen. Die Gefahr, dass einzelne Kinder in Schubladen gesteckt werden, in die sie nicht gehören und aus denen sie nicht wieder herauskommen, ist zu groß. Gut gefällt mir der Rat einer Mutter, die ich kürzlich in einer meiner Veranstaltungen erlebt habe. Sie hat den Schulleiter bereits vor der Einschulung informiert und ihn gebeten, die Lehrer nicht in Kenntnis zu setzen. So konnte jeder Lehrer ihrem Kind vorurteilsfrei begegnen, ohne später das Gefühl zu haben, hintergangen worden zu sein. Und das Beste: Keinem Lehrer war etwas aufgefallen. Alle beschrieben das Kind als talentiert und sympathisch. Wenn das nicht ein guter Schulstart war!