Warum Strafen keine Lösung sind

Lennart hat auf dem Spielplatz ein anderes Kind geschlagen. Zur Strafe darf er am Wochenende nicht mit in den Zoo gehen. Während sich seine Eltern mit dem kleinen Bruder im Tierpark vergnügen, sitzt er in seinem Kinderzimmer und ärgert sich. Den ganzen Nachmittag überlegt er, wie er es seinen Eltern heimzahlen kann. Sein Groll richtet sich auch gegen den Bruder. Warum darf der mit in den Zoo und ich nicht? Lennart kann keine Verbindung zwischen dem Vorfall auf dem Spielplatz und dem geplatzten Zoobesuch herstellen. Die Strafe hat ihm nicht sein Fehlverhalten vor Augen geführt. Seine Gedanken kreisen nur um die scheinbare Bevorzugung des jüngeren Bruders. Wie gern würde er dem auch eins über die Rübe geben…

Strafen in der Kindererziehung verhindern aggressives Verhalten nicht , sondern rufen Aggressionen und Widerstand hervor. Das Kind legt das unerwünschte Verhalten nicht ab. Es vermeidet es lediglich, solange die Eltern anwesend sind. Wenn Lennart das nächste Mal mit seiner Mutter auf dem Spielplatz ist, wird er zum Schlag ausholen, wenn seine Mutter gerade nicht guckt. Er wird die Strafe vermeiden, nicht sein Fehlverhalten.

Damit ein Kind unerwünschtes Verhalten vermeidet, muss eine Strafe mehrere Bedingungen erfüllen: Der Bestrafte muss die Strafe als unangenehm empfinden, die Bestrafung muss sofort erfolgen, und der Bestrafte darf sich der Strafe nicht entziehen können. Im Alltag sind diese Bedingungen nicht immer gegeben. Oft vergeht zu viel Zeit zwischen Fehlverhalten und Strafe. Ein Kind, das ohnehin nicht gerne in den Zoo geht, empfindet einen ausgefallenen Zoobesuch nicht als Strafe. Ist eine Strafe jedoch zu streng, kann es zu ernsthaften Beeinträchtigungen der Eltern-Kind-Beziehung kommen. Das Kind könnte seelischen oder körperlichen Schaden erleiden, fortlaufen oder sich überhaupt keine Mühe mehr geben. Und schließlich verlieren Strafen ihre Wirkung, wenn ein Kind ihnen entgehen kann. Das ist mit zunehmenden Alter des Kindes immer häufiger der Fall.

Obwohl Strafen zumeist das Gegenteil von dem bewirken, was Eltern eigentlich damit erreichen wollen, halten viele Mütter und Väter daran fest. Häufig ist es die Angst vor dem Chaos, die uns zu Erziehungsmethoden greifen lässt, die uns aus unserer eigenen Kindheit in schlechter Erinnerung sind. Kinder brauchen Strukturen und Grenzen. Was aber kann man von einem Kind in welchem Alter erwarten?

Babys

Babys halten ständig Ausschau nach interessanten Gegenständen und finden manchmal abenteuerliche Wege, um diese zu erreichen und zu erkunden. Da sie Gefahren nicht einschätzen können, müssen Eltern vorbeugen. Es ist sinnvoller, gefährliche oder zerbrechliche Gegenstände wegzuräumen, als sie an ihrem Platz zu belassen und das Kind zu ermahnen, den herumliegenden Hammer oder die kostbare Bodenvase nicht zu berühren. Babys sind noch zu klein, um Regeln zu verstehen und zu befolgen. Oft hilft es, wenn Sie ihrem Kind Ersatzangebote machen: Wenn Ihr Kind einen Ihrer Nylonstrümpfe gefunden hat und daran herumzerrt, können Sie ihn gegen einen Strumpf eintauschen, der bereits Laufmaschen hat. Ihr Baby wird zufrieden sein – Sie auch.

Kleinkinder

Sobald Kinder sprechen können, setzt das Verständnis für Regeln ein. Bereits jetzt kann das Kind in den Regelfindungsprozess einbezogen werden. Wenn Sie es Leid sind, dass Sie immer wieder Knetreste auf dem Teppich finden, sollten Sie dieses Empfinden Ihrem Kind mitteilen: „Dauernd muss ich Knete aus dem Teppich kratzen. Das ärgert mich.“ Besser als das Kneten zu verbieten ist es, wenn Sie Ihrem Kind Gelegenheit geben, Vorschläge zur Lösung dieses Problems zu machen: eine Unterlage benutzen, in der Küche kneten. Bereits Dreijährige sind dazu in der Lage. Finden Sie heraus, was Ihnen und Ihrer Familie wirklich wichtig ist und beschränken Sie sich auf diese wenigen Regeln. Lieber drei Regeln konsequent anwenden als sich in einem Regellabyrinth verlieren. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie Ihrem Kleinkind die in Ihrer Familie geltenden Regeln immer wieder mitteilen müssen.

Vorschulkinder

Erklärungen werden im Vorschulalter immer wichtiger. Klare Regeln, Ermutigungen und eine positive Erwartungshaltung helfen Kindern, sich in der Welt zurecht zu finden. Mit dem Satz „Ich weiß, dass du es schaffst, dich an unsere Abmachung zu halten“ sagen Sie ihrem Kind, dass Sie ihm vertrauen und an es glauben. Bleiben Sie gelassen, wenn Ihr Kind eine Regel verletzt, aber zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie den Regelverstoß bemerkt haben. Nutzen Sie natürliche und logische Konsequenzen: Wenn das Kind ein Spielzeug absichtlich zerstört, wird es nicht ersetzt. Wenn das Kind seinen Fahrradhelm nicht aufsetzt, darf es nicht Fahrrad fahren. Kinder müssen die direkten Folgen ihres Handelns spüren, um daraus lernen zu können.

Schulkinder

Im Schulalter kommt es zunehmend darauf an, dass das Kind Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Nur so wird es zu einem selbstständigen Erwachsenen heranreifen. Regeln für das Zusammenleben sollten möglichst gemeinsam gefunden werden. Hält sich das Kind oder ein anderes Familienmitglied nicht an die Vereinbarung, tritt die gemeinschaftlich vereinbarte Konsequenz in Kraft. Hat man sich etwa darauf verständigt, dass alle ihre Schuhe in den Schuhschrank stellen und dass bei Nichtbeachtung dieser Regel 50 Cent in die Urlaubskasse zu zahlen sind, ist dieser Betrag ohne weitere Diskussion fällig.

Jugendliche

Eltern sollten nicht jeden Schritt eines pubertierenden Kindes argwöhnisch beobachten, sondern ihm Vertrauen signalisieren. Ständige Kontrollen haben einen negativen Einfluss auf das Selbstbewusstsein eines Jugendlichen: Das Kind lebt in der Annahme, seine Eltern trauten ihm nicht zu, gewisse Dinge selbst regeln zu können. Hat der Jugendliche dann wirklich einmal ein Problem, bei dem ihm seine Eltern helfen könnten, wird er sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit an sie wenden. Dies käme einem Eingeständnis gleich, dass er tatsächlich nicht alleine zurecht kommt. Sagen Sie Ihrem Kind, welche Werte Ihnen wichtig sind, aber seien Sie bereit, andere Meinungen gelten zu lassen. Kinder wollen und sollen sich die Welt selbst aneignen. Vieles wissen Eltern aus Erfahrung besser, und dennoch sollten sie sich davor hüten, ihre halbwüchsigen Kinder zu bevormunden. Handeln Sie Regeln mit Ihrem Kind aus, aber lassen Sie Platz für Freiraum. Wenn Ihr fast erwachsenes Kind nicht nach Ihren Vorstellungen lebt, sollten Sie nach seinen Beweggründen fragen, bevor Sie sein Verhalten bewerten. Vielleicht könnten Sie etwas von ihm lernen.

Schluss

Wir alle wollen, dass uns unsere Kinder ähnlich werden und möglichst ein wenig mehr im Leben erreichen als wir selbst. Kinder erscheinen uns als unfertige Erwachsene, die darauf angewiesen sind, von ihren Eltern in die richtige Richtung gelenkt zu werden. Doch was für das einzelne Kind richtig ist, liegt häufig mehr im Ermessen des Kindes als in unser eigenem. Eltern verfügen in vielen Bereichen über mehr Erfahrung, aber Erfahrung lehrt nicht immer, was richtig ist. Wer Kindern zuhört, sie respektvoll behandelt und ihnen ihre Wertvorstellungen und Überzeugungen lässt, hat die besten Chancen, selbst geachtet und angehört zu werden. Regeln sind für ein harmonisches Zusammenleben unerlässlich, doch sie sind wenig wirksam, wenn Erwachsene sie alleine aufstellen und mit Macht durchsetzen. Blinder Gehorsam, so zeigt die Geschichte, ist kein erstrebenswertes Erziehungsziel.