Hauptmerkmal des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms (ADS/ADHS) ist eine durch Reizoffenheit, Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit geprägte Informationsaufnahme und -verarbeitung. Betroffene Kinder sind in hohem Maße auf Mitmenschen angewiesen, die diese Besonderheiten nicht als vom Kind zu lösende Schwierigkeiten ansehen. Vielmehr sollten Erwachsene, denen Kinder mit ADS/ADHS anvertraut sind, ihre Art zu kommunizieren an die Bedürfnisse des Kindes anpassen. Wie das aussehen kann, ist Inhalt dieses Artikels.

Unaufmerksamkeit – das zentrale Leitsymptom

Derzeit wird keine psychiatrische Diagnose bei Kindern häufiger gestellt als das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität. Leitsymptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und eine ausgeprägte motorische Unruhe. Als der Begriff ADS/ADHS in den 90er Jahren populär wurde, hatte man vorrangig den über Tische und Bänke gehenden Wildfang im Blick. Heute gilt die Unaufmerksamkeit als das eigentliche Problem. Sie begleitet Betroffene zumeist ein Leben lang. Der starke Bewegungsdrang hingegen lässt auf der Schwelle zum Erwachsenwerden nach.

Menschen mit ADS/ADHS haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, scheinen häufig nicht zuzuhören, lassen sich leicht ablenken und neigen zu Vergesslichkeit. Sind sie mit einer komplexen Aufgabe befasst, verlieren sie sich immer wieder in Details. Das erschwert die Zielerreichung oder macht sie ganz unmöglich. Insbesondere bei nicht selbst gewählten, wenig attraktiven Aktivitäten wird die Aufmerksamkeit nicht lange genug aufrechterhalten. So kommt es, dass vieles angefangen, aber nur wenig beendet wird. Während sich Erwachsene mit ADS/ADHS einer Fremdbeurteilung in gewissem Maße entziehen können, sind unkonzentrierte Kinder dem kritischen Urteil ihrer Umwelt schutzlos ausgeliefert.

Sprache schafft Realität

Es wird alles immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.
Hermann Hesse

„Jetzt pass doch mal auf!“, „Hörst du schlecht?“ oder „Kannst du mir nicht einmal zuhören?“ sind typische Aussagen von Eltern, Lehrern und Erzieherinnen im Umgang mit Zappelphilipp und Hans Guck-in-die-Luft. Sie sollen die Sinne und die Motivation des Kindes schärfen, bewirken aber das Gegenteil. Kinder, denen wiederholt und von unterschiedlichen Personen gesagt wird, dass sie vieles falsch machen, anstrengend, faul oder gar dumm sind, verfestigen diese unerwünschten Verhaltensweisen. Diesen Etikettierungseffekt nennen Psychologen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer dem entgegenwirken möchte, muss seine Erwartungshaltung und seine Sprache selbstkritisch prüfen und ggf. ändern.

Sprache, Gedanken und Handlungen sind untrennbar miteinander verbunden. „Versuchen Sie, in den nächsten Minuten nicht an einen Eisbären zu denken!“ Diese Anweisung gab der Psychologe Daniel M. Wegner den Probanden einer Studie. Nun mussten die Versuchspersonen erst recht an ein großes, weißes, auf einer Eisscholle sitzendes Tier denken. Ähnlich verhält es sich mit Aussagen wie „Knall die Tür nicht so zu!“, „Zapple nicht so rum!“ oder „Mach das noch einmal und du bekommst Ärger!“. Damit lenken wir die Aufmerksamkeit des Kindes auf das Verhalten, das es unterlassen soll. Besser ist es, das erwünschte Verhalten zu benennen (z.B. „Schließ die Tür leise!“), damit das Kind weiß, was es tun soll. Wenn man ihm dann noch Erfolg zutraut und seine Bemühungen anerkennt, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit das Erwartete tun.

Kinder neigen dazu, alles wörtlich zu nehmen. Sagt man ihnen: „Gleich fällst du mit dem Stuhl um!“ stellen sie sich den drohenden Sturz mit allen Sinnen vor. Das Kind sieht den Stuhl kippen, spürt die Schräglage und hört den Aufprall. Das kann dazu führen, dass das Kind tatsächlich den Halt verliert und stürzt. Sagt dann ein Erwachsener: „Das habe ich kommen sehen!“, scheint er aus Kindersicht über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen. In der Folge passt das Kind sein Verhalten den Voraussagen nahe stehender Autoritätspersonen an. Prophezeiungen wie „In Diktaten wirst du immer Schwierigkeiten haben, weil du dich so schlecht konzentrieren kannst“ oder „Deine schlechte Handschrift ist typisch für ADS/ADHS. Die müssen wir wohl hinnehmen“ mögen eine kurzfristige entlastende Wirkung haben, richten aber langfristige Schäden an, weil sich das Kind mit der Situation abfindet und seine Bemühungen einstellt.

Stärkende Botschaften

Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.
Johann Wolfgang von Goethe

Mit ermutigenden, authentischen Worten kann die Psyche positiv geprägt werden. Zuversicht, Mut und Motivation lässt sich in Kindern pflanzen wie ein Samen. Aussagen wie: „Du hast schon ganz viel geschafft. Das wird dir auch gelingen“, „Ich weiß, dass du jeden Tag dein Bestes gibst“ oder „Du bist auf dem richtigen Weg“ haben gerade bei verhaltens- und lernauffälligen Kindern eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Stets sollte das Verhalten des Kindes von seiner Person unterschieden werden. Auch bei deutlicher Kritik muss es sich als Mensch angenommen fühlen. Erreichen lässt sich das mit Formulierungen wie „Was du getan hast, war nicht in Ordnung. Eigentlich ist das ja nicht deine Art“ oder „Du bist ein netter Kerl. Ich ärgere mich nur furchtbar, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst“. Respektvolle Ich-Botschaften laden das Kind dazu ein, uns zuzuhören und das eigene Verhalten zu überdenken; anklagende Du-Botschaften provozieren insbesondere bei hyperaktiv-impulsiven Kindern Abwehr, Trotz und Wut.

In Kontakt treten

Zerstreutheit ist die Konzentration auf etwas anderes.
Erik Wickenburg

Die Kommunikation mit Kindern, die oft mit eigenen Gedanken und Aktivitäten beschäftigt sind, steht und fällt mit der Art der Kontaktaufnahme. Insbesondere im attraktiven Alleinspiel (z.B. mit Lego) können diese Kinder „hyperfokussieren“, d.h. mit der Aufgabe verschmelzen, sich nach Außen verschließen und dadurch wie erstarrt wirken. Im Hyperfokus (vergleichbar mit Csikszentmihalyis „Flow“) sind auch Menschen mit ADS/ADHS zu Tätigkeiten in der Lage, die gerichtete Aufmerksamkeit und Ausdauer erfordern. Es handelt sich um einen erstrebenswerten Zustand, der nach Möglichkeit nicht unterbrochen werden sollte, auf keinen Fall jedoch mit Hilfe unsanfter Berührungen, Händeklatschen oder bloßstellender Kommentare („Aufwachen!“). Warten Sie einfach einen passenderen Moment ab.

Wer ein Kind mit ADS/ADHS dazu bringen möchte, etwas zu tun oder zu unterlassen, muss einen direkten Kontakt herstellen. Andernfalls ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind die aus der Entfernung gerufenen Worte nicht hört oder sie für unbedeutend hält. Gehen Sie zum Kind und berühren Sie es sanft zwischen den Schulterblättern oder an der Schulter. Die Berührung der Schulter kann als niederdrückend und entmutigend empfunden werden, der Druck zwischen den Schulterblättern wirkt meist erhebend und selbstwertstärkend. Prüfen Sie die Wirkung an sich selbst und am Kind. Achten Sie auf seine Reaktionen. Entscheiden Sie dann, wie Sie künftig verfahren möchten. Nachdem der taktile Reiz das Nervensystem in eine besondere Aufmerksamkeitsbereitschaft versetzt hat und das Kind im Hier und Jetzt ist, sollte Blickkontakt hergestellt werden. Dazu kann es nötig sein, die Augenhöhe des Kindes einzunehmen und seinen Namen auszusprechen. Der Blick in die Augen des Kindes bringt doppelte Erkenntnis: Man sieht die Befindlichkeit des Kindes und den Grad der momentanen Aufnahmefähigkeit. Formulieren Sie Ihre Aufforderung, sobald der Blickkontakt da ist. Bleiben Sie solange beim Kind, bis dieses getan hat, was es tun soll. Soll ein kleines Kind eine ihm bekannte, regelmäßig wiederkehrende Tätigkeit verrichten (z.B. Zähneputzen), kann es sinnvoll sein, das Kind ohne Worte an der Hand zum Badezimmer zu führen. Dieses deutliche Signal kann sinnlose Diskussionen über das Wann und Wieso der Mundhygiene vermeiden helfen.

Klar sprechen

Da Kinder mit ADS/ADHS eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben, müssen an sie gerichtete Aufforderungen kurz und genau sein. Vergleichen Sie „Dein Zimmer ist eine einzige Müllhalde. Geh sofort rüber und räum auf. Wasch dir vorher aber noch die Hände. Die sehen so klebrig aus. Ist das Schokolade? Und das Lichtaushalten bitte nicht wieder vergessen!“ mit „Geh in dein Zimmer und leg alle Legosteine in die Legokiste!“. In der ersten Situation ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind etwas vergisst und seine Mutter verärgert. In der zweiten Situation ist die Aufforderung eindeutig und leicht zu merken. Sagen Sie einem unaufmerksamen Kind möglichst genau, was es tun soll und geben Sie ihm erst die zweite Aufgabe, wenn die erste erledigt ist. Das Prinzip „Eins nach dem anderen“ ist AD(H)S-Betroffenen bis ins Erwachsenenalter eine unverzichtbare Hilfe.

Bestimmt auftreten

Wenn die Sprache nicht stimmt, ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist.
Konfuzius

Unterscheiden Sie zwischen Bitten und Aufforderungen. Eine Bitte („Hilfst du mir bitte beim Tischdecken?“) lässt dem Kind die Wahl. Es kann mithelfen oder uns diesen Gefallen versagen. In diesem Fall hätten wir keinen Grund zur Verärgerung. Eine Aufforderung bekommt Aufforderungscharakter, wenn sie im Imperativ formuliert ist („Stell diese Tassen auf den Tisch!“) und unsere Stimmlage, Mimik und Gestik keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass wir uns unserer Sache sicher sind. Beginnt das Kind zu diskutieren, wird die Aufforderung in einem freundlichen, aber festen Ton wiederholt, notfalls mehrere Male. Diese „Technik der kaputten Schallplatte“ signalisiert dem Kind, dass die Angelegenheit nicht verhandelbar ist. Deutliche Handlungsimpulse (z.B. dem Kind zwei Tassen in die Hand geben und selbst die Teller nehmen) fördern die Kooperationsbereitschaft zusätzlich. Ein Quäntchen Humor („Uff, wir sind ja richtige Lastesel!“) kann eine anfängliche Verärgerung auflösen.

Wahlmöglichkeiten schaffen

Hyperaktiv-impulsive Kinder haben eine niedrige Frustrationstoleranz. Misserfolge oder sich ankündigende Nachteile können Wutanfälle von großer Intensität auslösen. Verzichten Sie daher auf Drohungen („Stell die Musik noch lauter und du wirst was erleben!“). Geben Sie dem Kind stattdessen Wahlmöglichkeiten („Setz die Kopfhörer auf oder mach die Musik aus!“). Drohungen können als Einladung zum Machtkampf aufgefasst werden. Sie fordern das Kind heraus und setzen den Drohenden unter Zugzwang. Wahlmöglichkeiten hingegen bieten dem Kind Handlungsalternativen. So kann es die Bedürfnisse seiner Mitmenschen besser erkennen und lernen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Zeigt ein Kind beim An- oder Ausziehen, beim Zubettgehen und anderen alltäglichen Verrichtungen wenig Kooperation und Motivation, können auch hier jeweils maximal zwei Wahlmöglichkeiten ein guter Weg sein („Möchtest du die rote oder die blaue Hose anziehen?“, „Willst du mit Nachtlicht oder ohne schlafen gehen?“). Auf diese Weise geht es nicht mehr darum, ob eine Tätigkeit verrichtet wird, sondern wie das Kind sie ausführt. Darüber hinaus erlebt das Kind, dass es selbst entscheiden darf. Mitsprache trägt dem hohen Gerechtigkeitsempfinden von Kindern mit ADS/ADHS Rechnung.

Positives in Aussicht stellen

Man kann in ein Kind nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln.
Astrid Lindgren

Eltern, Lehrer und andere Erwachsene, denen unaufmerksame, impulsive und hyperaktive Kinder anvertraut sind, setzen häufig einseitig auf Zurechtweisungen und Ankündigungen von Sanktionen. Strafen führen jedoch weder zu einem besseren Verständnis noch zu einer Reduzierung von Verhaltensauffälligkeiten. Sinnvoller ist das Aufzeigen positiver Konsequenzen bei Wohlverhalten. Vergleichen Sie „Wenn du dich nicht sofort an den Tisch setzt, musst du vor die Tür!“ mit „Sobald du am Tisch sitzt, bekommst du deinen Nachtisch!“ (oder ein Mandala zum Ausmalen, einen Punkt für den Verstärkerplan, einen reduzierten Hausaufgabenumfang). Die erste Aussage wird Protest und Diskussionen hervorrufen; die zweite motiviert. Kinder müssen wiederholt die Erfahrung machen, dass sich regelkonformes Verhalten und Kooperationsbereitschaft lohnen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von Erwachsenen.

Lob statt Kritik

Kinder mit ADS/ADHS werden den ganzen Tag zurechtgewiesen, kritisiert und bestraft. Wer glaubt, niemandem Freude machen zu können, verliert das Bedürfnis danach. Stattdessen begibt sich das Kind in die ihm zugewiesene Rolle des Störenfrieds. Diese Entwicklung kann mit konsequenter positiver Verstärkung abgewendet werden. Äußern Sie anerkennende Worte, sobald Sie von lobenswerten Verhaltensweisen erfahren. Achten Sie darauf, dass das Kind versteht, wofür es gelobt wird („Schön, dass du Peter deinen Radiergummi ausgeliehen hast!“). Dosieren Sie Lob gut und wählen Sie unterschiedliche Formulierungen. Nutzen Sie auch nonverbale Formen der Anerkennung (z.B. Lächeln, Schulterklopfer, Urkunde). Fällt Ihr Lob immer gleich aus, egal wie sehr sich das Kind bemüht hat, wird seine Anstrengungsbereitschaft sinken. Für ein gesundes Selbstwertgefühl müssen Kinder deutlich mehr Lob als Kritik erfahren. Das bedeutet für uns Erziehende: Wer einmal kritisiert, sollte danach mindestens vier Gelegenheiten zum Loben nutzen.
Zuhören und Perspektivenwechsel ermöglichen

Kinder benötigen die Gewissheit, dass man ihnen zuhört und wirklich etwas über sie und ihre Welt erfahren möchte. Es gibt keinen direkteren Weg herausfinden, warum ein Kind bestimmte Verhaltensweisen zeigt, als vom Kind selbst. Der häufig bedeutungslose Satz „Du kannst mir alles sagen“ muss mit Leben gefüllt werden, damit das Kind seine Erfahrungen, Gefühle und Beweggründe mitteilt. Dazu gehört, dass Eltern täglich mindestens fünf Minuten allein und ungestört mit jedem ihrer Kinder verbringen. In dieser Zeit darf das Kind alles sagen, was ihm durch den Kopf geht. Aufgabe der Eltern ist es, da zu sein, interessiert zuzuhören und das Gehörte gelegentlich kurz zusammenzufassen. Es geht nicht darum, das Kind auszufragen oder seine Sicht der Dinge zu korrigieren, sondern vielmehr darum, ein Verständnis für sein Handeln zu entwickeln. Wenn das Kind bereits weiß, dass es sich oder anderen mit seinem Verhalten Schaden zugefügt hat, können Eltern und andere Bezugspersonen diese Situation mit dem Kind analysieren, z.B. mit den Fragen „Wie hat sich der Andere wohl gefühlt?“ oder „Was meinst du wäre passiert, wenn du dich anders verhalten hättest?“. So helfen wir dem Kind, die Gefühle seiner Mitmenschen wahrzunehmen und Handlungsalternativen für künftige Konfliktsituationen zu finden.

Das Kind verstehen

Nur wenn ich aufhöre zu verurteilen, kann ich anfangen zu entdecken.
Virginia Satir

Wer einen anderen Menschen mit Worten nicht erreicht, sucht die Ursache dieses Kommunikationsproblems zunächst und manchmal ausschließlich beim Angesprochenen. Hat der andere schlechte Ohren? Träumt er? Hat er uns womöglich gehört und will nur nicht? Aussagen wie „Hast du was an den Ohren?“ oder „Du willst mich wohl ärgern!“ machen deutlich, dass das Problem häufig einseitig bei dem gesehen wird, der nicht tut, was er tun soll. Kinder, die ein nachweislich gutes Gehör haben und dennoch nicht in erwünschter Weise reagieren, werden mitunter voreilig als „aufmerksamkeitsgestört“ oder „oppositionell“ bezeichnet. Wir sollten uns dafür hüten, ADS/ADHS zu sehen, wo in Wahrheit ein lösbares Kommunikationsproblem besteht. Verhaltensauffälligkeiten haben immer einen tieferen Sinn. Das Kind will uns damit etwas mitteilen, wofür ihm die Worte fehlen. Das Entschlüsseln dieser Botschaften gehört zu unseren Aufgaben.